In diesem Buch berichtet die Autorin Birgit Schattling von ihrem Bio-Balkon im 6. Stock in Berlin. Ihr Ziel: Mehr Menschen sollen ihren Balkon nutzen. Aber nicht als Abstellplatz für Bierkästen, sondern als Biotop für Mensch, Tier und Umwelt. Ihr Buch soll als Inspiration dienen und verschiedene Möglichkeiten der Nutzung vorstellen.
Gemäß dieses Mottos will sie zunächst die Leser:innen ermutigen, diesen Schritt zu wagen und geht alle etwaigen Gegenargumente durch, die man gegen das Balkongärtnern haben könnte, wie beispielsweise keinen grünen Daumen zu haben und widerlegt diese.

Titel: Mein Biotop auf dem Balkon. Naturerlebnis und Ernteglück mitten in der Stadt
Autorin: Birgit Schattling
ISBN: 978-3-8338-7352-2 Verlag: Gräfe und Unzer Verlag GmbH
Seitenzahl: 144
Erscheinungsdatum: 04.03.2020
In diesem Buch berichtet die Autorin Birgit Schattling von ihrem Bio-Balkon im 6. Stock in Berlin. Ihr Ziel: Mehr Menschen sollen ihren Balkon nutzen. Aber nicht als Abstellplatz für Bierkästen, sondern als Biotop für Mensch, Tier und Umwelt. Ihr Buch soll als Inspiration dienen und verschiedene Möglichkeiten der Nutzung vorstellen.
Gemäß dieses Mottos will sie zunächst die Leser:innen ermutigen, diesen Schritt zu wagen und geht alle etwaigen Gegenargumente durch, die man gegen das Balkongärtnern haben könnte, wie beispielsweise keinen grünen Daumen zu haben und widerlegt diese.
Das erste große Kapitel beschäftigt sich mit der Planung. Man soll zunächst beobachten, welche Bedingungen auf dem Balkon vorherrschen und dahingehend eine Skizze anfertigen. Die jeweiligen Lichtbedingungen sind die Grundlage für die Pflanzenauswahl. Zu bedenken ist dabei auch, dass es sogar auf Südbalkonen schattige Plätze geben kann, z.B. durch eine vorhandene Brüstung. Alle anderen Faktoren wie Wasser oder Nährstoffe sind vom Menschen beeinflussbar, die Lage jedoch nicht. Zudem sollte man bedenken, dass Pflanzen auf dem Balkon für ein Mikroklima sorgen und die Temperatur sogar runter kühlen können. Auch die Traglast und Sicherung von Balkonkästen ist ein wichtiges Thema, sowie der Zeitfaktor, der fürs Balkongärtnern benötigt wird (z.B. sind mehrjährige Pflanzen weniger pflegeintensiv als einjährige).
Als weitere Entscheidungskriterien bei der Pflanzenwahl nennt sie Insektenfreundlichkeit und Frosthärte. Die eher ungewöhnliche Idee der Autorin ist es, Pflanzen auszuwählen, die bestimmte Tiere anlocken, die man gerne auf dem Balkon haben will, z.B. Spatzen.
Die Autorin empfiehlt generell ein Balkonbüchlein zu führen, um bislang gemachte Erfahrungen auf dem Balkon festzuhalten, und zwar sowohl Erfolge als auch Misserfolge.
Das nächstgrößere Kapitel ist die Praxis. Hier geht die Autorin nacheinander auf die wichtigsten Punkte ein:
- Werkzeuge: Bei Kauf auf Qualität achten, ansonsten kann man vieles aus dem Haushalt zweckentfremden, z.B. alte Gabel zum Auflockern der Erde.
- Erde: Sie sollte gut Wasser halten, drainieren, strukturstabil sein (nicht zusammenfallen oder verhärten) und Nährstoffe beinhalten. Anstatt der preiswerten konventionellen Erden sollte man besser torffreie Bioerde kaufen oder sie selber mischen; hierfür gibt sie auch entsprechende Anleitungen mit Mischverhältnissen. Es wird auf die Wichtigkeit von torffreier Erde eingegangen und warum Erde nicht torfarm oder -reduziert sein darf. Ebenfalls geht die Autorin auf den individuellen Nährstoffbedarf einzelner Arten ein (Kräuter, Gemüse, Wildblumen). Auch vegane Erde findet Erwähnung.
- Pflanzgefäße: Kann man umsonst vom Wertstoffsammelhof oder gar dem Friedhof bekommen. Auch gibt die Autorin Infos zu den jeweiligen Materialien und auch einige DIY-Ideen sind dabei. Wenn man zum Beispiel ca. 3 cm von unten Löcher in die Seitenwände eines Topfes bohrt, so hat man ein Gefäß mit Wasserreservoir plus Abflusslöcher. Platzsparend und rückenschonend sind Hoch- oder Vertikalbeete, aber auch vertikales Gärtnern oder Konstruktionen wie Hanging Baskets werden vorgestellt.
- Pflanzen: Worauf sollte man beim Kauf von Saatgut und Jungpflanzen achten; bei mehrjährigen Pflanzen ist zusätzlich zu beachten ob sie frosthart (=draußen überwintern) sind oder ob man sie drinnen überwintern muss, wofür man natürlich den Platz und die richtigen Bedingungen braucht. Einheimische Pflanzen sind exotischen vorzuziehen, da sie besser an unsere Insekten, Ökosystem und Klima angepasst sind. Bei Blumen sollte man unbedingt auf ungefüllte Blüten achten, da bei gefüllten die nekatar- und/oder pollentragenden Blütenteile in sterile Blütenblätter umgezüchtet wurden. Die Autorin betont, dass nicht alles, wo bio draufsteht, auch gut ist; hier gibt es mitunter lange Transportwege und generell sollte man lieber bei örtlichen Gärtnereien anstatt im Baumarkt kaufen, da man Beratung und korrekte Beschilderungen erwarten kann. Kauft man online, fällt zwar Verpackungsmüll an, aber man hat auch mehr Auswahl, z.B. bei Wildpflanzen. Die Autorin empfiehlt auch Saatguttauschbörsen, aber man soll bitte immer samenfestes Bio-Saatgut kaufen (Anbieter werden im Anhang genannt). Dazu passend wird ein kurzer Exkurs zu „Samen gewinnen“ eingeschoben, aber das Ganze wird leider nur oberflächlich angekratzt. Interessant ist jedoch, dass wenn man eigenes Saatgut jedes Jahr erneut sät und sammelt, man optimal an den Balkon angepasste Pflanzen erhält.
- Aussaat: Hier gibt es eher allgemeine (Begriffs)Erklärungen. Es werden nachhaltige bzw. recycelte Anzuchtgefäße vorgestellt und die Pflanzung samt Planung und Platzierung (ausgewachsene Größe beachten!) wird besprochen.
- Gießen: Die Devise lautet hier: weniger ist mehr. Die Autorin plädiert für lieber einmal durchdringend gießen und dann erst wieder wenn die Erde richtig trocken ist und die Pflanze schlappmacht. Auch gibt sie Tipps für Wochenendtrips und Kurzurlaub.
- Mulchen
- Düngen: Für die Autorin bedeutet biologisches Gärtnern, dass man durch Düngen den Bioorganismen eine Nahrungsgrundlage schafft und somit den Boden pflegt. Aktives Bodenleben ist eine Voraussetzung für gesundes Wachstum der Pflanze. Sie empfiehlt selbsthergestellte nachhaltige Dünger wie Kräuterjauchen, Biodünger wie Bokashi, Wurmkiste (wozu es auch ein Special gibt), Schafwollpellets und Effektive Mikroorganismen, aber keine mineralischen Dünger (die nicht das Bodenleben fördern), sondern nur organische Dünger. Gekaufte Erde ist steril, d.h. dass oftmals aber auch keine Mikroorganismen mehr am Leben sind. Bei Neupflanzung ist zu beachten, dass Starkzehrer eine Düngergabe bekommen, Mittel- und Schwachzehrer aber nicht. Eine Nachdüngung ist in der Regal nach ca. 8-12 Wochen fällig, wenn die Nährstoffe in der Erde verbraucht sind (Angaben finden sich auf der Erdverpackung).
Die Autorin vermeidet die Begriffe „Nützlinge“ und „Schädlinge“, sondern vertritt vielmehr die Meinung, dass wenn eine Pflanze kränkelt, der Mensch etwas falsch gemacht hat. Man soll daher auf die Artenvielfalt achten und die Widerstandskraft der Pflanze stärken, dann machen Kulturfehler nicht so viel aus. Wichtig ist auch der richtige Standort, Gießen und Düngen etc. Hier ist der nervige Öko-Ton besonders präsent und mutet leicht sektenartig mit Formulierungen wie „wir machen das nicht“ an.
Ein weiteres Kapitel behandelt das Überwintern. Auf Stadtbalkonen ist vieles auch ohne Schutz möglich. Will man im Haus überwintern, sollten die entsprechenden Bedingungen (10°C Raumtemperatur und viel Licht) erfüllt sein. Der Neustart findet im Frühjahr mit Rückschnitt, Umtopfen und (alte) Erde aufbereiten statt. Das ökologische Vorgehen, dass man erst im Frühjahr aufräumt, besteht darin, dass man ansonsten Nahrung und Unterschlupf für Insekten und Co. zerstören könnte.
Im letzten großen Kapitel werden verschiedene Bio-Balkon-Typen vorgestellt. Zwischen den einzelnen Balkontypen werden Balkone von realen Personen „vorgestellt“. Diese zweiseitigen Portraits finde ich eher mau. Stattdessen möchte ich lieber auf die Balkontypen eingehen.
Der erste Typ ist der Naschbalkon, bei dem Obst (Erdbeeren, Säulenobst, Him-, Johannis- und Stachelbeeren) im Fokus stehen. Jeder Sorte wird ein kurzer Absatz mit allgemeinen Pflegehinweisen gewidmet. Der Abschnitt schließt ab mit Sortenempfehlungen und Pflanzen, die es nicht in den Fließtext geschafft haben, wie Heidel- und Gojibeere.
Der zweite Typ ist der Selbstversorger-Balkon. Mit großen Pflanzgefäßen kann man theoretisch fast das ganze Jahr hindurch Gemüse ernten, weswegen in diesem Abschnitt hauptsächlich dafür Tipps und Anleitungen gegeben werden. Für eine optimale Platzausnutzung wird ein Vertikalbeet empfohlen: Wintergemüse wächst dort bis Mitte Mai, danach kommt das Sommergemüse und umgekehrt. Eingebaute überdachte Balkone profitieren im Winteranbau von der niedrig stehenden Wintersonne, da sie Ecken erreicht, die im Sommer kein Licht abbekommen. Zudem strahlen die Wände Wärme ab. Auch im Frühjahr ist ein früherer Start möglich, auch wenn man ggf. nachts die Pflanzen noch mit einem Vlies abdecken muss.
Da die Autorin Mischkultur eher beim Ertragsanbau als auf Balkonen sieht, schneidet sie dieses Thema nicht an. Sie konzentriert sich stattdessen auf für den Balkon geeignete Unterpflanzungen wie beispielsweise Salat unter Tomaten. Sie rät von Minigemüse ab, da diese in ihren Augen keine gute Ernte einfahren. Sie plädiert zu großen Pflanzen, v.a. für Südbalkone, da sie Schatten spenden und somit für Abkühlung sorgen. Zum Abschluss behandelt sie noch Obst in der selben Art und Weise wie Gemüse (Wuchs, Pflege, Substrat, Sonne). Es ist ganz okay, aber es werden längst nicht alle Arten vorgestellt. Auberginen fehlen z.B. gänzlich.
Der dritte Typ ist der Kräuterbalkon. Kräuter gehen auf jedem Balkon, wenn man sich an deren natürlichem Lebensraum orientiert. Auch sind sie wichtig für Tiere. Hier tritt die Spiritualität, die das ganze Buch durchzieht, leider besonders stark hervor.
Der vierte Typ ist der Insektenbalkon. Die Autorin plädiert für eine Unterstützung der Wildbienen durch v.a. heimische Wildblumen. Sie erklärt auch, dass Pollen (Blütenstaub) wichtig für die Brut und der Nektar für die Weibchen ist. Auch erläutert sie kurz den Lebenszyklus der Wildbienen. Sie spricht Empfehlungen für ein ganzjähriges Angebot an Wildblumen auf dem Balkon aus. Auch erwähnt sie Insektennisthilfen, wie beispielsweise aufrecht stehende, tote hohle Stängel von Sonnenblume, Himbeere, Brombeere (weswegen man die Pflanzen auch über den Winter stehen lassen sollte). Wenn man solche Hilfen kaufen möchte, erläutert sie auch, worauf man beim Kauf achten sollte. Auch sollte man den Balkon nachts nicht beleuchten wenn möglich. Sie schließt wieder mit kurzen Portraits ab, gespickt mit zusätzlichen Informationen für wen was geeignet ist (z.B. Brennsessel für Schmetterlinge).
Der letzte Typ ist der Vogelbalkon. Hier steht im Fokus, welche Pflanzen und Architektur für Vögel (Futter, Tränke, Nistmöglichkeiten) am sinnvollsten sind. Sie erläutert, welches Futter für welche Vögel geeignet ist; wie Futter aufgestellt/-gehängt werden sollte; dass man Futter auch selber herstellen kann; und auch die Hygiene wird angesprochen. Auch rechtliches bzw. Probleme wie Nachbarstreitigkeiten werden angesprochen und Lösungen dafür angeboten. Sie warnt auch, dass Vögel womöglich Pflanzen anfressen oder zerstören. Zum Schluss folgt auch wie bisher eine Übersicht mit Pflanzen für Vögel.
Das Buch schließt ab mit einer Seite Buchempfehlungen (auch zum Thema Wildbienen), Kaufadressen und anderen hilfreichen Seiten sowie einem Register.
Fazit 3/5
Das Buch stellt eine gute Mischung aus eigener Erfahrung und wertvollen Tipps dar. Bis auf wenige Ausnahmen ist alles handfest und informativ. Spannend sind auch die Tipps zu Wildbienen und Vögeln.
Das übersichtliche Design überzeugt mit den zusammenfassenden Übersichten in farbigen Kästen und Tabellen.
Generell finden sich in diesem Buch einige Re- und Upcycling-Tipps, die sich super in das Gesamtkonzept einfügen. Hier zeigt sich, was ich in meiner Rezension zu „Grüner geht’s nicht. Nachhaltig gärtnern auf dem Balkon“ meinte, dass man nicht extra ein Nachhaltigkeitsbuch braucht, wenn man es so geschickt wie hier einfach in einen normalen Gartenratgeber einfließen lassen kann
Ab den Bio-Balkon-Typen verliert mich das Buch jedoch etwas, da ab hier weniger Infos, sondern sehr allgemeine und falsche (?) Infos (z.B. dass man Stachelbeere und rote Johannisbeere am einjährigen Holz fruchten) vorgetragen werden. Der Stil ist oftmals recht esoterisch und mitunter echt grenzwertig: „Der Anfang ist Planung. Einen Überblick verschaffen über die Voraussetzungen, die der eigene Balkon bietet, und die Wünsche. Wichtig ist Platz für eine gemütliche Sitzecke“ (s. 14). Ständig soll alles mit Sinnen wahrgenommen werden.
Sieht man jedoch von den Balkontypen und dem Ton ab, ist das Buch aber echt gut.










